Kurzgeschichte von Jule heck

Urlaub mit Folgen

Thomas hatte sich so auf den Urlaub gefreut. Nach monatelangem Home-Office, Abstandhalten und Maskenpflicht sehnte er sich, genau wie seine Familie, nach Erholung und Entspannung auf ihrer Lieblingsinsel Mallorca. Seit Jahren verbrachten sie ihren vierzehntĂ€gigen Urlaub dort in einem schönen Vier-Sterne-Hotel mit All-Inklusiv-Angebot. Dort trafen sie Freunde, mit denen sie gemeinsam etwas unternehmen, abends in der Bar den Tag bei einem kĂŒhlen Bier oder einem FlĂ€schchen Rotwein ausklingen lassen konnten. Lange hatten sie gebangt, ob die Reise ĂŒberhaupt stattfinden konnte. Sie hatten GlĂŒck. Die ReisebeschrĂ€nkungen waren rechtzeitig aufgehoben worden und den Ferien in der Sonne stand nichts mehr im Wege.
Lisa, seine Frau, bestand jedoch darauf, dass alle elektronischen GerĂ€te zu Hause bleiben. Denn nachdem die Kinder wochenlang Home-Schooling am PC gemacht hatten, auch die Kontakte zur Familie und Freunden vorwiegend ĂŒber das Internet erfolgt waren, Thomas sich ausgiebig mit einem eigenem IT-Programm fĂŒr ein Smart Home befasst hatte, fand Lisa, dass es an der Zeit wĂ€re, wieder mehr Sport zu treiben und gemeinsame AusflĂŒge ins Innere der Insel zu unternehmen.
Ohne Murren ließen die Kinder ihre I-Pads und E-Book-Reader zu Hause. Die Handys verstauten sie allerdings, gegen die Absprache, heimlich in ihren RucksĂ€cken. Auch Thomas war nicht bereit, das GerĂ€t zurĂŒck zu lassen. Er benötigte es, um das Haus mit all seinen elektronischen Einrichtungen zu ĂŒberwachen. Schließlich hatte er nicht umsonst ein Programm fĂŒr ein perfektes Smart Home erstellt und damit in der Nachbarschaft der Neubausiedlung, in der sie seit zwei Jahren wohnten, geprahlt. Gegen sein Eigenkonstrukt waren die bei den Nachbarn installierten Systeme nur ein mĂŒder Abklatsch, hatte er gesagt.
Dieses Mal war eben alles anders als gewohnt. Die Familie hatte sich vorgenommen, alle Corona-Regeln geduldig zu befolgen, dennoch begann der Stress schon am Flughafen. Obwohl der Flugverkehr eingeschrÀnkt war, die Familie schon am Abend vorher online eingecheckt hatte, dauerte es ewig, bis sie ihre Koffer abgeben konnten. In der langen Reihe kamen sie nur langsam vorwÀrts. Das HandgepÀck wurde noch intensiver als sonst kontrolliert. Der Weg zum Gate war mit Maske schon nervig, noch schlimmer war der Flug mit dem Mund-Nasen-Schutz.
Auf der Insel angekommen, wurde erst einmal Fieber gemessen. Nachdem auch diese Prozedur beendet war, brachte ein Taxi die Urlauber ins Hotel. Hier wartete die nĂ€chste Überraschung auf die Erholungssuchenden. Überall waren Wege und Abstandshalter eingezeichnet. Rot-weiße FlatterbĂ€nder verhinderten, dass man vom Weg abwich. Der Text auf einer Tafel am Eingang wies die Ankommenden daraufhin, dass, außer auf den Zimmern, ĂŒberall eine Maske getragen werden und natĂŒrlich Abstand gehalten werden musste.
Das Spa war geschlossen. Lisa konnte sich nicht zu ihrer sonst ĂŒblichen Massage anmelden. Im Speisesaal standen die Tische, es waren weniger als sonst, weit auseinander. Überall hingen GerĂ€te mit Desinfektionsspray. Die ServicekrĂ€fte trugen grundsĂ€tzlich Masken, wenn sie das FrĂŒhstĂŒck oder Essen an den Tisch brachten. Buffet gab es auch keines mehr. Insgesamt eine trostlose Angelegenheit. Aber Thomas Familie arrangierte sich auch damit.
Den nĂ€chsten Wermutstropfen verabreichte Lisa ihrer Familie. Sie hatte die Handys ihrer Kinder entdeckt und diese gleich einkassiert und im Safe, dessen Code nur sie kannte, eingeschlossen. Nachdem Thomas sich ihrer Bitte, das Handy nicht dauernd in die Hand zu nehmen, widersetzte, kassierte sie auch das ein und schloss es ebenfalls weg. Thomas maulte fĂŒrchterlich. Auch sein Hinweis, dass er die App fĂŒr die Sicherheitssysteme in ihrem Haus kontrollieren mĂŒsse, stieß bei Lisa auf taube Ohren.
Thomas und die Kinder setzten ihre ganze Hoffnung auf den Strand. Groß war die EnttĂ€uschung, als sie feststellten, dass auch hier die Mund-Nasen-Bedeckung so lange getragen werden musste, bis man seinen Liegeplatz erreicht hatte. Urlaubsfeeling war anders. Selbst abends an der Bar saß man weit auseinander. Die Freunde, die man sonst traf, waren dieses Jahr gar nicht erst angereist.
Thomas und die Kinder versuchten möglichst viele Freizeitangebote, wie Wasser- und Jetskifahren, Windsurfen und Segeln zu nutzen. Der Ausflug nach Palma de Mallorca, den Lisa und ihre Tochter sich gewĂŒnscht hatten, verlief dagegen wieder sehr eingeschrĂ€nkt. Das Flair der Stadt, die Leichtigkeit des Seins, die man sonst dort in den kleinen GĂ€sschen, den Restaurants und Bars auf sich wirken ließ, waren nicht zu spĂŒren.
Etwas enttĂ€uscht, reiste die Familie nach 14 Tagen wieder ab. Nachdem die Infektionszahlen im Heimatland wieder dramatisch angestiegen waren, drohte ihr sogar noch eine QuarantĂ€ne. Doch erst einmal mussten sie bei der Einreise nach Deutschland am Flughafen einen Test ĂŒber sich ergehen lassen. Stundenlang standen sie an, bis sie endlich an der Reihe waren.
So genervt kamen sie spĂ€t abends zu Hause an. FĂŒr die Kinder begann am nĂ€chsten Tag die Schule wieder. Doch wenn man der Anweisung, erst die Ergebnisse des Corona-Tests abzuwarten, befolgen wĂŒrde, mĂŒssten die ganze Familie zunĂ€chst zu Hause bleiben.
Noch nie hatten sie sich so auf die RĂŒckkehr aus dem Urlaub gefreut. Endlich wĂŒrden sie sich wieder im Haus und im Garten frei bewegen können, wĂŒrden wieder Kontakt mit ihren Freunden haben und, wenn auch immer noch etwas eingeschrĂ€nkt, in ihr altes Leben zurĂŒckkehren.
Doch als das Taxi vor ihrer HaustĂŒr hielt, erwartete sie eine unangenehme Überraschung. Eigentlich hĂ€tten die LĂ€den vor den Fenstern geschlossen und die Außenbeleuchtung an sein mĂŒssen. Aber das Haus empfing sie als ein dunkler Klotz. Die TĂŒr ließ sich nicht ĂŒber die Tastatur öffnen. Es dauerte bis Lisa den SchlĂŒssel fĂŒr NotfĂ€lle aus den Tiefen des GepĂ€cks hervorgeholt hatte.
Thomas ahnte Schreckliches. Als er endlich die TĂŒr öffnete, schlug ihnen nicht nur abgestandene, stickige Luft entgegen, ein Gestank von FĂ€ulnis und Verwesung hing in den RĂ€umen. Er drĂ€ngte die Familie zurĂŒck ins Freie, betĂ€tigte sein Handy und schaltete den Strom, der offensichtlich ausgestellt war, wieder an. Sofort schlossen sich die RolllĂ€den und die Außenbeleuchtung sprang an. Ein leises Summen verriet, dass auch die Klimaanlage wieder ihre TĂ€tigkeit aufgenommen hatte.
Er bat seine Familie, zunĂ€chst vor der TĂŒr zu warten. Erst wollte er sich im Haus umsehen. Was er vorfand, trieb ihn zu Verzweiflung. SĂ€mtliche Blumen waren vertrocknet. Das Wasser im Aquarium glich einer trĂŒben BrĂŒhe. Die Fische schwammen mit dem Bauch nach oben an der OberflĂ€che. Das Schlimmste Szenario erwartete ihn in der KĂŒche. Der KĂŒhlschrank, genauso wie der Gefrierschrank, waren abgetaut. Das darin befindliche Fleisch stank fĂŒrchterlich.
Er öffnete die LĂ€den und riss die Fenster und die großen SchiebetĂŒren zur Terrasse auf. Er trat hinaus, um frische Luft zu schnappen und den Gestank des faulen Fleisches aus der Nase zu bekommen. Vor sich sah er eine vertrocknete, gelbe, ehemals grĂŒne RasenflĂ€che. Offensichtlich hatte auch das BewĂ€sserungssystem nicht funktioniert.
Er konnte das gar nicht verstehen. Sein System war so gut durchdacht gewesen. Wie konnte es sein, dass es ausgefallen war. Er verfluchte insgeheim seine Frau, die ihm sein Handy abgenommen hatte und es ihm so nicht möglich gewesen war, alles zu ĂŒberwachen. Ein Fehler im System wĂ€re ihm sofort aufgefallen. Als IT-Berater kannte er sich bestens mit diesen Dingen aus, hatte stĂ€ndig damit zu tun.
„Hallo Thomas“, hörte er plötzlich eine Stimme links neben sich. „Seid ihr wieder zu Hause? War der Urlaub schön?“ Sein Nachbar schaute ĂŒber den Zaun und grinste breit. „Ist alles in Ordnung bei euch?“ Irgendwie klang das Gesagte gehĂ€ssig.
„Nichts ist in Ordnung“, stieß Thomas hervor. „Offensichtlich ist der Strom ausgefallen. Alle Systeme haben versagt“, klagte er dem Nachbarn sein Leid.
„Das kann doch gar nicht sein. Hier war gar kein Stromausfall. Sollte Deine selbstentwickelte App doch nicht so gut funktionieren?“, lachte der Mann.
Thomas sah den Nachbarn mit großen Augen an. „Hast du das System gehackt?“, spuckte er die Worte aus.
„Aber das geht doch gar nicht. Das ist doch idiotensicher“, lachte er sĂŒffisant, drehte sich um und ging zurĂŒck ins Haus.
Thomas hörte ihn noch sagen: „Dem Angeber habe ich es jetzt mal richtig gezeigt.“

von Jule Heck
www.jule-heck.de