Kurzgeschichte von Jule heck

Leiche on Tour

Ingo Wunderlich war voller Vorfreude auf dem Weg nach Alsfeld zu einer Krimilesung. Neben ihm saß seine Freundin Sabine Conradi, die ihn das erste Mal zu einer Autorenlesung begleitete. Sie hatte ihm zuliebe einen weißen Overall, auf dessen Rückseite Spurensicherung stand, angezogen und war total aufgeregt. Ingo selbst steckte in einer engen Jeans und einem Lederblouson. Die dunkle Sonnenbrille verlieh ihm ein interessantes Aussehen. Er hatte alles, so wie immer, bestens vorbereitet. In seiner Tasche steckten Handschellen, Tatortschilder und sein schwarzes Notizbuch. In einem Halfter an der linken Seite befand sich ein täuschend echt aussehender Revolver.

Er selbst würde als Kommissar vor die staunenden Zuhörer treten und seinen Gästen eine Leiche präsentieren. Er hatte die Schaufensterpuppe, die er eigens zu diesem Zweck angeschafft hatte, perfekt präpariert. Ihr bleiches Gesicht wies Spuren von Blut auf, die Kleidung war zerrissen, ein Schuh fehlte. Der nackte Fuß war dreckverschmiert. Die Haare hingen ihr wirr ins Gesicht. Die Leiche machte einen desaströsen Eindruck. Wenn man nicht genau hinsah, konnte man sie für echt halten. Mittels der umgelegten Rückbank bot sein Combi genügend Platz für die lang ausgestreckte Leiche.

Die beiden Entertainer waren extra frühzeitig gestartet, um vor Ort noch genügend Zeit für die Vorbereitungen zu haben, bevor die ersten Gäste eintrafen und dort auf die übel zugerichtete Tote stoßen sollten. Doch ausgerechnet heute in den Morgenstunden, musste sich ein Lastzug quer über zwei Fahrspuren der Autobahn legen, so dass ein schnelles Vorankommen unmöglich war. Seit über einer Stunde standen sie nun im Stau. Anfänglich noch auf drei Spuren näherten sie sich nur langsam dem Unfallort. Ingos Nerven wurden ziemlich strapaziert. Dummerweise hatte er auch keine Handynummer, unter der er seinen Auftraggeber hätte informieren können. Er hoffte inständig, noch rechtzeitig am Tatort zu erscheinen. Schließlich wollte er nicht auf sein Honorar und das Fahrtgeld verzichten.

Er befuhr die mittlere Fahrspur, hielt sich ziemlich rechts, so wie es sich für einen anständigen Fahrer gehörte, damit eine Rettungsgasse gebildet werden konnte. Er fuhr an einer langen Schlange LKW`s vorbei, musste das eine oder andere Mal jedoch halten. Sabine bemerkte, dass die Fahrer der tonnenschweren Lastzüge interessiert ihr Auto beobachteten. Sie nickte ihnen freundlich zu.

Je näher sie der Unfallstelle kamen, desto langsamer ging es vorwärts. Für den Verkehr stand schließlich nur noch eine Fahrspur zur Verfügung. Es dauerte ewig, bis sich alle nach dem Reißverschluß-System eingefädelt hatten. Endlich hatte er die Unfallstelle passiert und konnte Gas geben. Dennoch dauerte es eine Weile, bis er wieder zügig vorankam.

Ingo hatte noch ungefähr 15 km vor sich, bis er die Autobahn verlassen musste, als er im Rückblick mehrere Streifenwagen mit blinkendem Blaulicht schnell näherkommen sah. Hoffentlich war weiter vorne nicht noch etwas passiert, dachte er. Die Angst, endgültig zu spät zu kommen, trieb ihm den Schweiß auf die Stirn. Seine feuchten Finger umklammerten das Lenkrad, sein Shirt klebte ihm am Rücken. Auch Sabines tröstende Worte konnten ihn nicht beruhigen.

Der erste der drei Streifenwagen überholte ihn, setzte sich vor seinen Wagen. Der zweite Streifenwagen fuhr neben ihm her, während ein drittes Polizeifahrzeug hinter ihm blieb. Was hatte denn das zu bedeuten? Auf einem Display in der Heckscheibe des vor ihm fahrenden Streifenwagens blinkte die Anweisung „Bitte folgen“ auf.

„Was soll der Quatsch“, raunzte er Sabine an, „die haben sie wohl nicht alle!“ So von Polizeifahrzeugen eskortiert, blieb Ingo gar nichts anderes übrig, als der Anweisung Folge zu leisten. Die Aufforderung „rechts einordnen“ lotste ihn schließlich auf einen Parkplatz. Ingo blieb sitzen, betätigte aber den Fensterheber. Die Polizisten waren ausgestiegen und umstellten sein Auto. Einer der Beamten trat an die Fahrerseite und sagte zu dem vor Angst schlotternden Ingo „Polizeikontrolle. Folgen Sie unseren Anweisungen. Steigen Sie beide langsam aus und legen Sie Ihre Hände auf das Wagendach. Sie stehen im Verdacht, eine Straftat begangen zu haben. Wir werden Sie nun nach Waffen durchsuchen.“ Als man die beiden Verdächtigen in Position gebracht hatte, wurden sie am ganzen Körper abgetastet. Dabei entdeckte der Polizist Ingos Waffe und zog sie vorsichtig aus dem Halfter. Er reichte sie einem Kollegen, der sich den Revolver genauer betrachtete. Die beiden Beamten, die am Heck das Fahrzeug gesichert hatten, öffneten nun den Kofferraum und begutachteten die vermeintliche Leiche. „Entwarnung“, rief einer der beiden plötzlich, „das ist nur eine Puppe.“ Der andere Beamte schüttelte sich vor Lachen, während der Dritte rief: „Das ist nur eine Attrappe. Die Waffe sieht aber verdammt echt aus.“ Alle atmeten erleichtert auf. „Sie können sich jetzt umdrehen“, sagte der Beamte, der hinter Ingo stand. Auch Sabine durfte sich wieder frei bewegen.

„Haben Sie uns etwa wegen der Puppe angehalten?“, fragte Ingo total perplex. „Ich bin Krimiautor und auf dem Weg zu einer Lesung. Die Puppe gehört zu meinen Requisiten“, erklärte er den Beamten. Nachdem sich alle wieder beruhigt hatten, entschuldigten sich die Streifenbeamten bei Ingo und seiner Begleiterin. „Ein LKW-Fahrer ist seiner Bürgerpflicht nachgekommen und hat uns über eine Leiche in ihrem Kofferraum informiert. Da mussten wir tätig werden. Aber wir würden Ihnen raten, die Puppe das nächste Mal zuzudecken, um weiteren Missverständnissen vorzubeugen.“

Zu Ingos Erleichterung eskortierten die Streifenfahrzeuge seinen Wagen in den nächsten Ort zu seiner Lesung. Die Gäste waren begeistert, als der Krimiautor, wenn auch mit leichter Verspätung, in Begleitung mehrerer Polizei­beamten erschien.

von Jule Heck
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