Jedes Jahr zur Urlaubszeit kann man den Medien entnehmen, dass Eltern ihre Kinder auf ParkplĂ€tzen oder Tankstellen vergessen. Zum Teil legen sie viele Kilometer zurĂŒck, bevor sie merken, dass sie alleine im Auto sind. Ich konnte das nie verstehen und habe mich immer ĂŒber diese „Rabeneltern“ aufgeregt. Bis zu dem Zeitpunkt, wo mir das gleiche passiert ist. Allerdings vergaß ich nicht meine Kinder, sondern ich wurde vergessen.
Wie das? Mein Mann und ich verbringen seit langer Zeit jedes Jahr eine Woche mit unseren Freunden in Holland. Zu diesem Zweck chartern wir eine schnittige Yacht. Die „Orion“ bietet genĂŒgend Platz und Komfort fĂŒr vier Personen. Ausgestattet mit genĂŒgend PS erlaubt sie uns, bequem durch die KanĂ€le von Ort zu Ort zu schippern. Obwohl wir die kleinen StĂ€dtchen entlang der KanĂ€le alle schon kennen, kehren wir immer wieder gern dorthin zurĂŒck.

Diese Art von Urlaub ist fĂŒr uns Entspannung pur. Alle helfen mit beim An- und Ablegen im Hafen und dem Schleusen. Die MĂ€nner steuern das Schiff und wir Frauen kĂŒmmern uns um das Essen. Sobald wir in einem Hafen angelegt haben, genehmigen wir uns erst mal ein Anlegebier. Auch so mancher Cocktail wurde auf diesen Reisen kreiert. Auf jeden Fall hatten wir bisher immer viel Spaß. Und obwohl es öfter heißt, dass im Urlaub die besten Freundschaften kaputtgehen, hielt unsere auch nach der sechsten Reise noch.

Doch in diesem Jahr wurde unsere langjĂ€hrige Beziehung auf eine harte Probe gestellt. Ich nutze die Zeit an Bord immer, um an meinem nĂ€chsten Kriminalroman weiterzuschreiben, ihn unter UmstĂ€nden sogar zu beenden. Zu diesem Zweck begebe ich mich in die gemĂŒtliche Sitzecke unter Deck und haue in die Tasten meines Laptops. Meine Freundin und die beiden MĂ€nner lassen mich in Ruhe gewĂ€hren und halten sich auf dem Oberdeck auf, um mich bei meiner Arbeit nicht zu stören.

Die Urlaubswoche neigte sich bereits dem Ende zu, als wir morgens von Heeg in Flavoland ablegen wollten, um das vorletzte Reiseziel in Angriff zu nehmen. Es wehte ein böiger Wind, der immer unangenehmer auffrischte, die ersten Tropfen fielen vom Himmel. Wir hatten es eilig, wegzukommen. Ich löste die Leine von dem Poller und warf sie meinem Mann zu. Er ging vom Heck zum Bug, von dem aus er mich nicht mehr sehen konnte und fing die andere Leine auf, die ihm meine Freundin zuwarf. Sie kletterte schnell die Bootsleiter hoch und verschwand im Inneren des Bootes. Mein Mann holte besagte Leiter ein und verschwand ebenfalls in das Innere der Yacht, die daraufhin den Hafen verließ.

Ich dachte noch, die machen sich einen Spaß mit mir und kehren gleich wieder um, damit ich an Bord kommen kann. Leider war das nicht der Fall. Ich rief ihnen lauthals hinterher, doch der Wind trug meine Stimme davon. Die Yacht entfernte sich schnell und verschwand alsbald aus meinem Blickfeld. Ich stand mit offenem Mund staunend am Pier.

Aus den Augenwinkeln sah ich, wie der Hafenmeister die SanitĂ€reinrichtungen abschloss und mit seinem Auto davonfuhr. Das Hafenbecken war fast leer. Außer ein paar kleineren Jollen waren alle Yachten ausgelaufen. Ich blieb alleine in der Marina zurĂŒck, ohne Handy und ohne Geld, nur bekleidet mit Hose, T-Shirt und offenen Schuhen. Der nĂ€chste Ort war zwar nicht weit entfernt, aber ich kannte dort niemanden und ob es eine Polizeistation oder eine öffentliche Telefonzelle gab, wagte ich zu bezweifeln.

Zudem hatte der Regen so stark zugenommen, dass ich wahrscheinlich innerhalb kĂŒrzester Zeit total durchnĂ€sst sein wĂŒrde. Ich suchte verzweifelt nach einem Unterstand. Außer dem HĂ€uschen, in dem die MĂŒlltonnen untergebracht waren, konnte ich nichts entdecken, was mir Schutz bot. So saß ich zwischen den stinkenden MĂŒllbehĂ€ltern am Boden, sah dem Regen zu und wartete, dass irgendjemand auftauchen und mich aus meiner misslichen Lage befreien wĂŒrde. Die Stunden verrannen. Weder der Hafenmeister noch sonst irgendein Mensch, geschweige denn die Orion, tauchten auf. Ich fĂŒhlte mich so einsam und hilflos und konnte mir nun denken, wie es Kindern geht, die von ihren Eltern an Tankstellen oder ParkplĂ€tzen zurĂŒckgelassen werden. Ich fand es auf jeden Fall nicht lustig und im Geiste entwickelte ich meinen nĂ€chsten Krimi. Wer darin die Hauptperson sein sollte, kann man sich unschwer ausmalen.

Erst zur Mittageszeit erlöste mich der Hafenmeister aus meiner Einsamkeit, bat mich in sein BĂŒro und bot mir etwas zum Essen und einen heißen Tee an. Ich wĂ€hlte am Telefon des Hafenmeisters meine Mobilfunknummer, in der Hoffnung, dass jemand antworten wĂŒrde. Leider vergebens. Mir fiel ein, dass ich mein Handy in unserer Koje am Vorabend auf stumm geschaltet hatte.

Langsam erholte ich mich, meine Laune kehrte jedoch nicht zurĂŒck. Wie konnte es sein, dass mein Mann und unsere Freunde nicht bemerkten, dass ich gar nicht auf dem Boot war? Ich konnte es mir nur so erklĂ€ren, dass sie in der Annahme waren, ich wĂŒrde wie ĂŒblich unter Deck an meinem Buch arbeiten. Aber irgendwann mussten sie doch einmal feststellen, dass dem nicht so war. SpĂ€testens zur Mittagszeit, wenn wir uns an die Vorbereitungen des Essens machten, hĂ€tten sie mich doch vermissen mĂŒssen.

Irgendwann klingelte das Telefon. Ich hörte den Hafenmeister etwas sagen. Er sprach schnell und lachte zwischendurch so sehr, dass meine wenigen hollĂ€ndischen Sprachkenntnisse nicht ausreichten, um zu verstehen, was ihn so erheiterte. Schließlich legte er auf: „Die Orion wird bald wieder hier sein. Ihr Mann und ihre Freunde haben erst beim Anlegen in Akkrum gemerkt, dass man sie zurĂŒckgelassen hat.“ Ich schnaufte vor Zorn und malte mir aus, was ich den RĂŒckkehrern alles an den Kopf werfen wollte.

Als die Orion endlich auftauchte, war ich dennoch erleichtert. Sobald die Yacht fest vertĂ€ut war, kletterte ich die Bootsleiter hoch und sah in die lachenden Gesichter meiner Mitreisenden: „Wenn wir Freunde bleiben wollen, dann sagt ihr jetzt keinen Ton“, schnauzte ich sie an und verschwand fĂŒr den Rest des Tages in meine Kabine.

Intelligenterweise hielten sie sich daran. Keiner erwĂ€hnte in den letzten Tagen unseres gemeinsamen Urlaubes dieses Ereignis. So kehrten wir schließlich, immer noch Freunde, nach Hause zurĂŒck.
Beim Abschied sagte unser Freund: „Ach ja, ich habe die Orion wieder fĂŒr die gleiche Zeit im nĂ€chsten Jahr gebucht. Das ist Euch doch recht?“

„Nur wenn ihr mich nicht wieder alleine zurĂŒcklasst“, lachte ich und drĂŒckte ihn und seine Frau zum Abschied.