Kurzgeschichte: Abgelegt | Jule Heck

////Kurzgeschichte: Abgelegt | Jule Heck

Kurzgeschichte: Abgelegt | Jule Heck

Jedes Jahr zur Urlaubszeit kann man den Medien entnehmen, dass Eltern ihre Kinder auf Parkplätzen oder Tankstellen vergessen. Zum Teil legen sie viele Kilometer zurück, bevor sie merken, dass sie alleine im Auto sind. Ich konnte das nie verstehen und habe mich immer über diese „Rabeneltern“ aufgeregt. Bis zu dem Zeitpunkt, wo mir das gleiche passiert ist. Allerdings vergaß ich nicht meine Kinder, sondern ich wurde vergessen.
Wie das? Mein Mann und ich verbringen seit langer Zeit jedes Jahr eine Woche mit unseren Freunden in Holland. Zu diesem Zweck chartern wir eine schnittige Yacht. Die „Orion“ bietet genügend Platz und Komfort für vier Personen. Ausgestattet mit genügend PS erlaubt sie uns, bequem durch die Kanäle von Ort zu Ort zu schippern. Obwohl wir die kleinen Städtchen entlang der Kanäle alle schon kennen, kehren wir immer wieder gern dorthin zurück.

Diese Art von Urlaub ist für uns Entspannung pur. Alle helfen mit beim An- und Ablegen im Hafen und dem Schleusen. Die Männer steuern das Schiff und wir Frauen kümmern uns um das Essen. Sobald wir in einem Hafen angelegt haben, genehmigen wir uns erst mal ein Anlegebier. Auch so mancher Cocktail wurde auf diesen Reisen kreiert. Auf jeden Fall hatten wir bisher immer viel Spaß. Und obwohl es öfter heißt, dass im Urlaub die besten Freundschaften kaputtgehen, hielt unsere auch nach der sechsten Reise noch.

Doch in diesem Jahr wurde unsere langjährige Beziehung auf eine harte Probe gestellt. Ich nutze die Zeit an Bord immer, um an meinem nächsten Kriminalroman weiterzuschreiben, ihn unter Umständen sogar zu beenden. Zu diesem Zweck begebe ich mich in die gemütliche Sitzecke unter Deck und haue in die Tasten meines Laptops. Meine Freundin und die beiden Männer lassen mich in Ruhe gewähren und halten sich auf dem Oberdeck auf, um mich bei meiner Arbeit nicht zu stören.

Die Urlaubswoche neigte sich bereits dem Ende zu, als wir morgens von Heeg in Flavoland ablegen wollten, um das vorletzte Reiseziel in Angriff zu nehmen. Es wehte ein böiger Wind, der immer unangenehmer auffrischte, die ersten Tropfen fielen vom Himmel. Wir hatten es eilig, wegzukommen. Ich löste die Leine von dem Poller und warf sie meinem Mann zu. Er ging vom Heck zum Bug, von dem aus er mich nicht mehr sehen konnte und fing die andere Leine auf, die ihm meine Freundin zuwarf. Sie kletterte schnell die Bootsleiter hoch und verschwand im Inneren des Bootes. Mein Mann holte besagte Leiter ein und verschwand ebenfalls in das Innere der Yacht, die daraufhin den Hafen verließ.

Ich dachte noch, die machen sich einen SpaĂź mit mir und kehren gleich wieder um, damit ich an Bord kommen kann. Leider war das nicht der Fall. Ich rief ihnen lauthals hinterher, doch der Wind trug meine Stimme davon. Die Yacht entfernte sich schnell und verschwand alsbald aus meinem Blickfeld. Ich stand mit offenem Mund staunend am Pier.

Aus den Augenwinkeln sah ich, wie der Hafenmeister die Sanitäreinrichtungen abschloss und mit seinem Auto davonfuhr. Das Hafenbecken war fast leer. Außer ein paar kleineren Jollen waren alle Yachten ausgelaufen. Ich blieb alleine in der Marina zurück, ohne Handy und ohne Geld, nur bekleidet mit Hose, T-Shirt und offenen Schuhen. Der nächste Ort war zwar nicht weit entfernt, aber ich kannte dort niemanden und ob es eine Polizeistation oder eine öffentliche Telefonzelle gab, wagte ich zu bezweifeln.

Zudem hatte der Regen so stark zugenommen, dass ich wahrscheinlich innerhalb kürzester Zeit total durchnässt sein würde. Ich suchte verzweifelt nach einem Unterstand. Außer dem Häuschen, in dem die Mülltonnen untergebracht waren, konnte ich nichts entdecken, was mir Schutz bot. So saß ich zwischen den stinkenden Müllbehältern am Boden, sah dem Regen zu und wartete, dass irgendjemand auftauchen und mich aus meiner misslichen Lage befreien würde. Die Stunden verrannen. Weder der Hafenmeister noch sonst irgendein Mensch, geschweige denn die Orion, tauchten auf. Ich fühlte mich so einsam und hilflos und konnte mir nun denken, wie es Kindern geht, die von ihren Eltern an Tankstellen oder Parkplätzen zurückgelassen werden. Ich fand es auf jeden Fall nicht lustig und im Geiste entwickelte ich meinen nächsten Krimi. Wer darin die Hauptperson sein sollte, kann man sich unschwer ausmalen.

Erst zur Mittageszeit erlöste mich der Hafenmeister aus meiner Einsamkeit, bat mich in sein Büro und bot mir etwas zum Essen und einen heißen Tee an. Ich wählte am Telefon des Hafenmeisters meine Mobilfunknummer, in der Hoffnung, dass jemand antworten würde. Leider vergebens. Mir fiel ein, dass ich mein Handy in unserer Koje am Vorabend auf stumm geschaltet hatte.

Langsam erholte ich mich, meine Laune kehrte jedoch nicht zurück. Wie konnte es sein, dass mein Mann und unsere Freunde nicht bemerkten, dass ich gar nicht auf dem Boot war? Ich konnte es mir nur so erklären, dass sie in der Annahme waren, ich würde wie üblich unter Deck an meinem Buch arbeiten. Aber irgendwann mussten sie doch einmal feststellen, dass dem nicht so war. Spätestens zur Mittagszeit, wenn wir uns an die Vorbereitungen des Essens machten, hätten sie mich doch vermissen müssen.

Irgendwann klingelte das Telefon. Ich hörte den Hafenmeister etwas sagen. Er sprach schnell und lachte zwischendurch so sehr, dass meine wenigen holländischen Sprachkenntnisse nicht ausreichten, um zu verstehen, was ihn so erheiterte. Schließlich legte er auf: „Die Orion wird bald wieder hier sein. Ihr Mann und ihre Freunde haben erst beim Anlegen in Akkrum gemerkt, dass man sie zurückgelassen hat.“ Ich schnaufte vor Zorn und malte mir aus, was ich den Rückkehrern alles an den Kopf werfen wollte.

Als die Orion endlich auftauchte, war ich dennoch erleichtert. Sobald die Yacht fest vertäut war, kletterte ich die Bootsleiter hoch und sah in die lachenden Gesichter meiner Mitreisenden: „Wenn wir Freunde bleiben wollen, dann sagt ihr jetzt keinen Ton“, schnauzte ich sie an und verschwand für den Rest des Tages in meine Kabine.

Intelligenterweise hielten sie sich daran. Keiner erwähnte in den letzten Tagen unseres gemeinsamen Urlaubes dieses Ereignis. So kehrten wir schließlich, immer noch Freunde, nach Hause zurück.
Beim Abschied sagte unser Freund: „Ach ja, ich habe die Orion wieder für die gleiche Zeit im nächsten Jahr gebucht. Das ist Euch doch recht?“

„Nur wenn ihr mich nicht wieder alleine zurücklasst“, lachte ich und drückte ihn und seine Frau zum Abschied.

Von |2018-07-24T19:20:21+00:0024.07.2018|Kategorien: Aufgeschnappt|

About the Author:

Stadt Gazette – Unabhängig anders. Das ist unser Motto und danach suchen wir auch unsere Themen aus. Bedingung: Diese müssen aus der Nähe kommen. Bad Nauheim - Butzbach - Friedberg - Rosbach - Hessen / Wetterau

Hinterlassen Sie einen Kommentar